Die Bundesliga hat sich frei getestet. Und was ist mit den Bürgern?

Gestern gegen 22:00 Uhr war ich zuhause von meinem Nebenjob. Dann schaute ich mir die letzten 10 Minuten des Zweitliga-Spitzenspiels Düsseldorf – Bochum an. Danach schaltete ich bei einer Tasse Kaffee auf Phoenix um. In der naiven Annahme bis Mitternacht kommen Müller, Merkel und Söder hoch aufs Podium und verkünden irgendwelche neue Regeln für unser Land.

Doch es dauerte nicht lange, bis einige Zeitungen meldeten, mittlerweile wird in Kleingruppe beraten. Vor Mitternacht sei mit Ergebnissen nicht zu rechnen. Bis halbeins harrte ich aus. Meine Freundin wechselte  zum Dösen vom Schlafzimmer auf die Couch. Da ich sie nur für eine halbe Stunde zum Abendessen sah, bevor ich zum Nebenjob ging und dabei 2,5 Stunden ein Kaffee-Regal bestückte. Damit die geizigen Deutschen sich vom Glück geschwängert, an reduzierten Angebotskaffee ergötzen können.

Um circa 23:00 Uhr titelte die Augsburger Allgemeine online: „Streit um Urlaub eskaliert.“

Es wurde wie ich heute Morgen erfuhr, kurz nach 2:00 Uhr bis die MPK neue Beschlüsse vorlegte. Diese sind so viel sei vorneweg gesagt, an Schwachsinnigkeit nicht zu übertreffen.

Die Süddeutsche Zeitung schrieb heute in einem Kommentar: „..es wirkte wie ein skurriler Tauschbasar, an dessen Ende vor allem ein Eindruck blieb – der vollkommener Willkür.“

Besser kann man es in einem Satz nicht ausdrücken. Doch bevor ich zu den neuen Beschlüssen – die den Geist der politischen Hilflosigkeit atmen – komme, möchte ich erstmal über den Fußball reden.

Meine Meinung steht schon lange fest, der Fußball an sich taugt nicht als Vorbild. Nicht in Sachen Moral und schon gar nicht für uns Menschen. Er kann höchstens Vorbild bei der Bekämpfung von Rassismus und menschlichen Grenzen sein. Denn im Stadion ist es meistens egal, aus welchem Land, welche Hauptfarbe man hat oder welche sexuelle Orientierung man hat. Es zählt das einfache Spiel. Und die schlichte LEIDENschaft dafür.

Doch der Fußball war im vergangenen Jahr die Branche, die für einen gesellschaftlichen Diskurs sorgte. Durch ein Hygiene-Konzept schwamm sich die DFL samt DFB (mit ihrer 3. Liga) frei. Der Ball durfte wieder rollen. Ohne Zuschauer, mit Isolation, Tests und Hygienekonzept. In der 3. Liga endete die Diskussion in einem Scharmützel zwischen den Klubs und dem DFB. Eine gute Figur machte dabei keiner. Die DFL räumte das Thema sauber ab und die Profis aus der 1. und 2. Bundesliga kickten munter. Das Volk erfreute sich. Zumindest der Teil der Bevölkerung, der Fußball mag oder gar liebt. Alle anderen die Fußball doof finden, fanden das Kicken unter Auflagen für blanken Hohn. Das kann ich sogar nachvollziehen. Denn „damals“ war dieses Voranpreschen der DFL durchaus ein großes Wagnis. Ein Spaltpilz. 

Fast ein Jahr später, rollt der Ball weiter in den ersten drei Profiligen. Auch weitere Hallensportarten wie Eishockey oder Basketball sind am Spielen. Doch im „realen“ Leben sind wir immer noch keinen Schritt weiter. Auf, zu, auf, zu. Wir haben immer noch nicht flächendeckend Schnelltests für Schulen, Unternehmen, Kindergärten usw. Das Impfen stockt, weil erstens zu wenig bestellt wurde, nicht logisch gedacht wurde und Deutschland halt ein Land bleibt, in dem ohne ein Blatt Papier, einfach nichts wert ist. Heißt Bürokratie ohne Ende. 

Nach über einem Jahr, sind die Schulen immer noch nicht digital ausgestattet. Die Strategie der Regierung bleibt die Gleiche. Lockdown, beschränken, bisschen öffnen, Lockdown, beschränken. Die Bundesliga hat sich vor über einen Jahr frei „getestet.“ Aber für das gemeine Fußvolk hat die Politik immer noch keine Lösungen. Die Politik hat ihre Bevölkerung verloren. Weil die Bevölkerung verstanden hat, was alles schief gelaufen ist. Die Länder und der Bund zeigen gegenseitig auf sich. Schuld will keiner so richtig sein. Doch umso schlimmer. Es gibt auch keinen der was anschiebt. Entscheiden, entscheiden, tun, tun – sind die Stichworte. Wir brauchen Macher*innen im politischen Berlin. Stattdessen greifen wir wieder in die Schublade „zusperren.“ Und gestern hat die MPK halt zwei neue „Ruhetage“ sich erwürfelt. Was sollen diese zwei Ruhetage bringen? Abgesehen davon, dass heute Baden-Württembergs Ministerpräsident Kretschmann erklärte, der Begriff Ruhetag muss rechtlich noch final geklärt werden. Aha, verstehe. Die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten beschließen Ruhetage und wissen gar nicht genau, was diese Ruhetage überhaupt sind? Feiertage, Urlaubstage? Wer bezahlt das am Ende? Die Lenker der Unternehmen werden heute mit vielen Fragezeichen durch den Tag gegangen sein. Das Schließen des kompletten Handels am Gründonnerstag wird dazu führen, dass am Mittwoch die Läden gestürmt werden. An Karsamstag dagegen kann wieder eingekauft werden. Was soll das bringen?

Und umso ernüchternder ist vor allem eins. Die Unternehmen stehen mit ihrer Infrastruktur und ihren Betriebsärzt*innen in den Startlöchern und wollen impfen. Doch erstens fehlt Impfstoff und zweitens fehlt die Freigabe der Politik. Aus den Beschlüssen der Bundeskanzlerin mit der MPK lässt sich folgendes zitieren: „Anfang April werden die Wirtschaftsvebände einen ersten Umsetzungsbericht vorlegen wie viele Unternehmen sich beteiligen. Auf dieser Grundlage und der Grundlage eines eigenen Monitorings wird die Bundesregierung bewerten, ob regulatorischer Handlungsbedarf in der Arbeitsschutzverordnung besteht.“ 

Heißt es kann sich nur noch um Wochen, vielleicht Monate handeln. Wertvolle Wochen und Monate. Diese Konferenz von gestern Nacht lässt mich wütend, aber auch ratlos zurück. Als Bürger habe ich das Gefühl, die Bundesregierung samt Landes- und Staatsregierung haben die Kontrolle verloren. Die aktuelle Strategie, oder was auch immer, ist vom falschen Ende gedacht. Tests und Impfungen sind der Schlüssel zum Erfolg. An beiden mangelt es ohne Ende. Im Beschlusspapier der MPK steht bei Tests „baldmöglichst.“ Eine offene Frist. Daran kann man sich kaum messen lassen. Solche Papiere sind sprachlich eine Kunst. Aber Unfähigkeit und Fehler lassen sich mit geschliffener Sprache und großen Wortschatz nicht verstecken.

Es wird Zeit, dass die Politik endlich die drängenden Probleme bekämpft, anstatt Ruhetage zu entwickeln, bei denen sie nicht mal weiß, was das rechtlich eigentlich genau bedeutet. Und wenn sie nicht weiß, wie man Tests beschafft, sollte sie mal bei Unternehmen in der freien Wirtschaft nachfragen. Wenn sie nicht weiß wie man einen EK (Einkaufspreis) ermittelt, in der Wirtschaft nachfragen. Auch beim Thema Logistik, Software usw. haben wir in der Wirtschaft viele gute Lösungen. Dafür braucht es keine Berater oder Gutachten usw.

Die Beschlüsse der MPK waren ein Offenbarungseid. Die Lösungen der Probleme, kennt die Politik. Sie scheint aber immer noch nicht in der Lage zu sein, die Probleme wirklich anzupacken. Es wird Zeit!

Link zum Meinungsbeitrag der Süddeutschen Zeitung:

https://www.sueddeutsche.de/meinung/corona-deutschland-merkel-meinung-1.5244093

Kommentar der Augsburger Allgemeinen:

https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Dieser-Gipfel-legt-die-Schwaechen-der-Corona-Politik-gnadenlos-offen-id59362376.html

Titelbild: Bild von Gerhard G. auf Pixabay

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