Doppelinterview. Gemeinsam nochmal die Relegation durchlebt.

Im vergangenen Jahr trafen die Schanzer und der Club im Sportpark in der 1. Hauptrunde des DFB-Pokal aufeinander. Es war ein großes Fußballfest. Spät siegten damals die Nürnberger. Damals hätte keiner ernsthaft daran gedacht, dass in der Relegation sich Nürnberg und die Schanzer wieder begegnen. Vor allem das Rückspiel war ein Drama das seinesgleichen sucht. Zusammen mit Frank vom „Clubgeflüster“ durchlebe ich die Relegation nochmal. Ganz nachdem Motto: In den Farben getrennt, in der Sache vereint.

Wie geht es Euch ein paar Tage nach diesem Relegationsdrama? Blutdruck und Puls wieder normal?

Max: Am Montag war ich immer noch angefressen. Deswegen möchte ich mich bei meinen Kollegen entschuldigen. Viele Personen haben mit mir gesprochen und es ebenfalls als extrem bitter empfunden. Das war nett. Aber mittlerweile habe ich mich damit arrangiert, dass wir weiter drittklassig sind. Aber bis dieses Saisonende komplett verdaut ist, wird es noch dauern. 

Frank: Am Sonntag war ich noch total aufgekratzt, am Montag euphorisch überdreht und inzwischen ist wieder alles im vernünftigen Rahmen. Glaub ich.

Wie habt Ihr die letzten Sekunden der Nachspielzeit erlebt?

Max: Ich war nicht entspannt auf der Couch gelegen, aber ich war schon recht siegessicher. Das verrückte war, ich habe das Spiel auf DAZN geschaut und habe von einem Darmstadt-Fan eine Nachricht mit „Oh man“ erhalten. Ich dachte mir: Wieso denn das? Fand er das Spiel einfach gut? Und durch die Zeitverzögerung zwischen Stream und ZDF-Live-TV-Bild habe ich dann schon gemerkt, wieso er das geschrieben hat. Die Nachspielzeit war wie jede typische Nachspielzeit. Der Club hat irgendwie alles noch versucht, die Bälle nach vorne zu tragen. Und wir haben versucht die Zeit von der Uhr zu bringen.

Frank: Ich war fassungslos und total paralysiert vor dem Fernseher gestanden. Habe nicht mehr an ein Tor vom Club geglaubt. War schon mitten im Kopfkino, was der Abstieg wohl für Auswirkungen haben würde. Dann murmelt Schleusener mit eingesprungenem Stechschritt halb im Fallen den Ball an Keeper Knaller vorbei – und die Kugel trudelt ins lange Eck. Als er im Netz lag hab ich die ganze Nachbarschaft zusammengebrüllt „TOR für den Club!“ Dann Zittern, ob der Schiri das Tor anerkennt. Ich dachte mir: „Wenn das jetzt minutenlang Videobeweis gibt, wird das die schlimmste Entscheidung jemals für einen der beiden Vereine werden.“ Ein frenetischer Jubelschrei, als der Schiri dann zum Anstoßpunkt gezeigt hat.

Beschreibt kurz Eure Gefühlswelt direkt nach dem Abpfiff?

Frank: Mein Sohn und ich haben uns fest umarmt und wir standen da, halb lachend, halb weinend. Der Schlusspfiff in der 97. Minute war dann die Erlösung. Klassenerhalt in letzter Sekunde. Ausgerechnet der Club schafft mal ein entscheidendes Tor kurz vor Schluss. Danach kauerte ich fix und fertig mit der Welt am Boden – durchgeschwitzt und mit hochrotem Kopf. Nur noch erleichtert, dass der Super-GAU vermieden werden konnte und diese Dreckssaison endlich vorbei ist.

Max: Ich saß wie ein Häufchen Elend mit gesenktem Kopf auf der Couch, die Hände im Gesicht. Da war kein Gefühl, nichts. Einfach Leere. Dann habe ich mir eine Halbe aufgeschossen, ein paar Zigaretten geraucht und etwas gekocht. Ich musste irgendwas Produktives machen. Spätabends habe ich dann Frank angerufen und zum Klassenerhalt gratuliert. 

Frank: Beim Telefonat haben wir dann auch entschieden, das gemeinsame Interview zu machen.

Nach Abpfiff wurde es auf dem Rasen hochemotional und handgreiflich. Ingolstadts Trainer Oral trat anschließend in der Pressekonferenz verbal nach. Schlechte Gewinner und schlechte Verlierer? Eure Meinung dazu?

Max: Ich verstehe zu 100% die Emotionen, auch die negativen die einen da übermannen. Aber, bei aller Emotion, im Sport muss man vor allem in der Niederlage Größe zeigen. Und da gehört Spieler des Gegners angreifen, die Nachspielzeit gebetsmühlenartig kritisieren usw., einfach nicht dazu. Speziell zu Stefan Kutschke sei gesagt. So jemand ist das Amt des Spielführers nicht würdig. Da haben zwei bis drei Personen für eine richtig schlechte Außendarstellung gesorgt und das finde ich furchtbar. 

Frank: Ich fand die Szenen zwar nicht gut, kann sie aber vollkommen verstehen. Wenn man sich überlegt, welche Gefühlswelt beide Teams auf dem Rasen in wenigen Minuten durchlebt haben, dann sind solche extremen Reaktionen nicht auszuschließen. Das eine Team war schon fast tot und krabbelte doch noch aus dem Sarg, während sich das andere schon im Himmel wähnte und binnen Sekunden in die Hölle abstürzte. Mehr Drama auf einem Fußballplatz in den letzten Sekunden der Nachspielzeit geht eigentlich nicht.

Wenn Ihr beide Relegationsspiele betrachtet: Ist der Club der verdiente Sieger?

Max: Ist es verdient, wenn der große Club in der Nachspielzeit dem Gegner noch einen reineiert? Ich weiß es nicht. Das kann ich nicht eindeutig beantworten. Im Hinspiel hätte der Club die Relegation zumachen müssen. Da sind wir mit zwei blauen Augen, geprellten Jochbein und angehauenen Knien noch gut davongekommen. Im Rückspiel hattet ihr am Ende, mehr Glück als Verstand. Ich habe vor der Relegation gesagt, wenn wir gewinnen wird es verdient gewesen sein. Wenn wir es nicht packen, hat es nicht gereicht. Zu diesem Wort stehe ich. Grundsätzlich sei noch gesagt. Auf eine Relegation mit dem Club, hatte ich nie Bock. Dazu ist die Verbindung zu groß. Wenn jemand vor der Saison gesagt hätte, dass das Relegationsspiel wird, hätte sowieso jeder einem den Vogel gezeigt. Außer vielleicht die Fürther. 

Frank: Betrachtet man beide Spiele, war es schon verdient: Der Club hatte ein deutliches Chancenplus, dazu noch zwei Aluminiumtreffer und zwei hauchdünne Abseitstore. Normalerweise muss das Hinspiel 4:0 ausgehen, dann ist der Drops fast schon gelutscht. Insgesamt hat Ingolstadt eine prima zweite Halbzeit gespielt und innerhalb von zwölf Minuten drei Tore aus Standards erzielt. Wenn das gereicht hätte, hätte der Club die Fehler für das Scheitern alleine bei sich suchen müssen. Dass dann am Ende so eine Dramatik reinkam, hätte jeder gerne vermieden. Ein 0:0 im Rückspiel hätte es auch getan und unsere Nerven geschont. 

Wie sehr hat es Euch geschmerzt, dass die Relegation wegen Corona als Geisterspiele ausgetragen werden mussten?

Frank: Das war total surreal. Ich hätte die Mannschaft gerne unterstützt und ein volles Haus mit 50.000 Zuschauern wäre ein würdiger Rahmen gewesen. Da es eines der besten Saisonspiele vom FCN war, wäre die Stimmung im Achteck überragend gewesen. So musst du ausgesperrt vorm Fernseher sitzen und fühlst dich noch machtloser als sonst. Einfach ätzend!

Max: Generell nehmen fehlende Zuschauer aus jedem Spiel sämtliche Spannung und Dynamik. Selbst wenn man die Spiele nur am Fernseher schaut, fehlen einfach die Fans im Stadion. Bei der Relegation 2019 herrschte zur Halbzeit im Rückspiel (Spielstand 1:3 für Wiesbaden), Stille. Auch das ist ein Element. Über 10.000 Menschen die schweigen vor Fassungslosigkeit. Fußball ohne Zuschauer ist einfach nicht Fußball. Diese Anspannung vor dem Spiel, dieses Gewusel, der Lärm, die Emotion, die immer größere werdende Anspannung vor dem Spiel. Das alles fehlt einfach. 

Sollte die Relegation prinzipiell beibehalten werden? Was sollte man am Modus ändern?

Max: Eigentlich müsste ich jetzt sagen, die Relegation muss abgeschafft werden. Aber ich bin ein Freund der Relegation. Ihr wärt jetzt abgestiegen, wir wären durch gewesen. Einen beißen immer die Hunde. Aber ich finde den Modus gut. Wenn es nach dem Trend gegangen wäre, hätten wir uns als Drittligist durchgesetzt. Auch an der Auswärtstorregel sollte nicht gerüttelt werden. Sie ist seit Jahrzehnten Teil des Fußballs. Jeder Fan, Trainer und Spieler weiß, was in KO-Spielen auf einen zukommt. Und die Rechenspielchen kennt auch jeder. Danach darf sich keiner beschweren. Und wenn ein Klub nach zwei Remis, die Klasse hält, mei dann ist das halt so. Union Berlin ist mit zwei Remis aufgestiegen. Da hat auch keiner geschrien. Interessanterweise rufen immer die gleichen nach der Abschaffung. Und vor allem dann, wenn es verdammt knapp war. Der Club ist, muss man ehrlicherweise sagen, oftmals Nutznießer der Relegationsspiele gewesen. Ihr habt zwei Abstiege abgewendet und seid einmal aufgestiegen. Die Bilanz lässt sich sehen. 

Frank: Da muss ich Max zustimmen. Der Modus ist so wie er ist und das weiß jeder. Wenn man die Relegation künftig beibehält, sollte auch der Modus so bleiben. Man sollte lediglich darauf achten, dass die Erholungspausen für beide Teams annähernd gleich lang sind und es dadurch zu keiner Wettbewerbsverzerrung kommt. Emotional betrachtet sehe ich die Relegation als sehr zwiespältigen „Höhepunkt“ an, auch wenn der Club von viermal Relegation dreimal seine Ziele noch erreicht hat. 

Was wünscht und erhofft ihr Euch für die neue Saison?

Max: Kein Relegationstripple, egal gegen wen es gehen würde. Ich wünsche mir, dass der FCI seine Philosophie mit jungen und erfahrenen Spielern auf dem Platz weiter konsequent fortführt. Wir haben ja keine schlechte Saison gespielt. Vielleicht ist diese Ehrenrunde auch nötig, um mehr Konstanz reinzubringen. Ich hoffe, dass wir eine kampfeslustige, eingeschworene Truppe auf dem Platz bringen. Wenn sie noch ein bisschen gut Fußball spielen kann, bin ich sehr zufrieden. Natürlich wollen wir aufsteigen. Und ich hoffe, dass diese bittere Pleite im Rückspiel jetzt dafür sorgt, dass sich jeder dem Ziel Aufstieg unterordnet und wir alles daransetzen, wieder in die 2. Bundesliga zurückzukehren. Und gegen ein Heimspiel im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg hätte ich nichts einzuwenden. Dieses Mal schießen wir aber in der Nachspielzeit den „Siegtreffer.“ 

Dem Club wünsche ich das Beste. Ordnet euch in der sportlichen Führung neu, stellt euch gut auf und habt Geduld mit dem Aufstieg in die Bundesliga. Ihr seid dem Borndlkramer in der letzten Sekunde von der Schippe gesprungen. Da sollte nichts überstürzt werden. 

Frank: Ich glaube zwar, dass die Schanzer nächstes Jahr den Aufstieg packen können, aber nicht, dass wir uns im DFB-Pokal treffen. Beide Vereine sind jetzt im Lostopf der Amateure und werden trotz Heimspiel wohl die 1. Runde nicht überstehen (lacht). 

Zunächst müssen so schnell wie möglich ein neuer Sportvorstand und Trainer gefunden werden, damit in dieser wertvollen Phase der Vorbereitung keine Zeit vergeudet wird. Ansonsten hoffe ich, dass der Club die überstandene Relegation ohne Triumphgetöse, sondern mit Demut analysiert und aus diesem knapp gelungenen Klassenerhalt Mut und Zuversicht schöpfen kann. Nur wenn qualitativ gute Einzelspieler endlich wieder ein Team werden, kann sich auch wieder Erfolg einstellen. Von der 1. Liga sollte bitte keiner träumen, denn dort gehören wir mit den gezeigten Leistungen erstmal nicht hin! Hauptsache es wird nicht noch so eine Katastrophensaison und wir können bald wieder im Stadion live dabei sein. Denn ich grusele mich vor noch mehr Geisterspielen!

Danke für das Interview.

Euch allen eine erholsame Sommerpause und bleibt gesund.

Das Interview findet ihr beim Clubgeflüster unter folgenden Link: https://clubgefluester.wordpress.com/2020/07/16/hoelle-und-himmel-in-sekunden/#more-2026

Titelbild: Roland Geier

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