Regionalliga: Willkommen in der Hölle

„Tief im Westen wo die Sonne verstaubt“ singt Herbert Grönemeyer in seinem Klassiker „Bochum.“ Dieser Song läuft immer noch vor jedem Spiel beim VfL Bochum im Ruhrstadion.

Diese Textzeile lässt sich auf viele Vereine übertragen, die seit Jahren von der dritten und der Regionalliga „verschluckt“ wurden. Diese beiden Ligen lassen sich durchaus als Nadelöhr bezeichnen. Andere würden vielleicht Tor zur Hölle oder eben Hölle, sagen.

Die Regionalliga war schon immer das hässliche Stiefkind des deutschen Fußballs. In den Regionalligen spielen größtenteils Amateurvereine. Finanziell ist die Regionalliga mit enormen Risiken verbunden und dann wäre da noch das Nadelöhr nach oben. Aktuell gibt es vier Absteiger aus der 3. Liga, aber nur vier von fünf Regionalliga-Meister steigen auf. Ein Meister ist also immer der ausgeschmierte. Der DFB hat hier bereits reformiert. Erst gab es Playoff-Spiele, nun spielen rotierend nur zwei Regionalligen den letzten verbliebenen Platz in der 3. Liga aus.

Das hässliche Stiefkind Regionalliga sollte aufgewertet werden. Das veranlasste den DFB dazu eine Reform anzustoßen. 2007/2008 hatten die Tabellen der Regionalliga Süd und West mehr Striche als sonst. Denn es war die Reformsaison. Die ersten beiden Teams pro Staffel stiegen in die 2. Liga auf. Die Teams von Platz 3 bis 10 qualifizierten sich für die neue 3. Liga. Die Teams von Platz 11 bis 18 spielten in der kommenden Saison in den Regionalligen Süd und Nord. Die Regionalligen waren damit mit neuen Klubs gefüllt und nur noch viertklassig. Die Oberligen darunter auch die „Bayernliga“, bis dahin die höchste Amateurklasse in Bayern wurde zur fünften Liga „degradiert.“

Erst später folgte eine weitere Reform. Es wurden wieder fünf Regionalligen gebildet. Und Bayern hat als einziger Landesverband seine eigene Regionalliga bekommen. Pläne bei denen es nur noch vier Ligen gibt und die bayerischen Vereine in einer anderen Regionalliga spielen, kamen bisher nie zur Umsetzung. Die bayerische Folklore, wer kennt sie nicht?

Die Bildung einer eingleisigen 3. Liga war ein kluger Schachzug. Keine Frage. Der DFB versuchte damit seine höchste Spielklasse aufzuwerten. Bessere Vermarktungsmöglichkeit, mehr Fan-Interesse und dadurch vielleicht auch bessere Möglichkeiten für Vereine sich in dieser Liga zu etablieren. Doch schon damals war klar, die 3. Liga wird finanziell für viele Klubs zum existenzbedrohenden Wagnis. 11 Freunde titelte damals: „Die Kollaps-Liga“

Doch Jahre nach der Reform, lassen sich mehrere Punkte feststellen. Entweder man bucht ein Ticket für einen Fahrstuhl und pendelt wie der Karlsruher SC, MSV Duisburg oder Erzgebirge Aue immer wieder zwischen der zweiten und dritten Liga. Oder die dritte Liga ist für die Klubs das höchste der Gefühle. Für ganz oben reicht es nicht und gegen den Abstieg kann man sich irgendwie stemmen. Doch mittlerweile lässt sich eben auch feststellen, es gibt ein paar Dauerbrenner in der 3. Liga, die es nicht geschafft haben durch den Flaschenhals nach oben zu kommen.

Das lässt sich gut an der Reform-Regionalliga-Saison 2007/2008 ablesen. Zugrunde gelegt wird die sportliche Entwicklung nach der Reform-Saison. (Die Reihenfolge entspricht der Endtabelle):

FSV Frankfurt, Zweit- und Drittligist, mittlerweile im unteren Drittel der Regionalliga Südwest

FC Ingolstadt 04, Zweitligist, Bundesligist, mittlerweile in der 3. Liga

VfB Stuttgart II, aktuell Oberliga Baden-Württemberg

VfR Aalen, Zweit- und Drittligst, nach finanziellen Problemen, mittlerweile in der Regionalliga Südwest

SV Sandhausen, Zweit- und Drittligist, aktuell in der 2. Bundesliga

SpVgg Unterhaching, Drittligist, ein Jahr Regionalligist und jetzt in der 3. Liga

SV Wacker Burghausen, Drittligist, aktuell Regionalliga Bayern

FC Bayern München II, Drittligist, Regionalligist, jetzt wieder in der 3. Liga

Jahn Regensburg, Drittligist, Regionalligist, jetzt in der 2. Bundesliga

Stuttgarter Kickers, Drittligist, mittlerweile in der Oberliga Baden-Württemberg

Sportfreunde Siegen, spielt aktuell in der Oberliga Westfalen

SSV Reutlingen 05, spielt aktuell in der Oberliga Baden-Württemberg

Hessen Kassel, spielt aktuell in der Regionalliga Südwest

SV Elversberg, ehemaliger Drittligist, Meister und Vize-Meister der Regionalliga Südwest – zweimal in den Relegationsspiele am Aufstieg gescheitert, aktuell Regionalliga Südwest

Karlsruher SC II, vor zwei Jahren vom Spielbetrieb abgemeldet, mittlerweile als Fanelf in der Kreisklasse C zu finden

SC Pfullendorf, Verbandsliga Südbaden

FSV Ludwigshafen-Oggersheim, insolvent -> Neugründung 2010, heute B-Klasse Rheinpfalz Süd

Nur wenige Teams in der 3. Liga haben lange Aufenthaltszeiten in der Liga. Rot-Weiß Erfurt, Wehen-Wiesbaden, Unterhaching, Osnabrück, Rostock und Münster sind und waren Dauerbrenner der Liga. Osnabrück und Wehen-Wiesbaden sind dieses Jahr zweitklassig, mit noch unbekannten Ausgang. Rot-Weiß Erfurt hat im Januar 2020 den Spielbetrieb in der Regionalliga Nordost eingestellt. Preußen Münster, ehemaliger Bundesligist kämpft gerade mit Händen und Füßen um den Klassenerhalt.

Wer das Tor zur Hölle passiert hat, der kann schon mal gefangen sein. Auch hier „lohnt“ sich in ein Blick in die aktuellen Teams der Regionalligen. Es sind klangvolle Namen und auch traurige Geschichten. In der Regionalliga kann man als Traditionsverein höchstens noch vom Namen zehren. Doch der Name garantiert, bekanntlich noch keinen Erfolg. Der Sturz in die Regionalliga ist aus mehreren Gründen ein Fiasko. Mittlerweile begehren auch „kleinere“ Klubs auf und wollen in der Regionalliga nicht nur als Punktelieferanten fungieren. Finanziell ist die Regionalliga eine Katastrophe, was für Vereine mit großen Stadien und einer Profi-Finanzplanung eine extreme Umstellung ist und letztlich auch zum Ruin führen kann.

In der Regionalliga Nord hat mit dem VfB Lübeck durchaus einen klangvollen Namen. Lübeck soviel steht schon fest, wird vorbehaltlich der Zustimmung der Gremien im entsprechenden Landesverband, wieder in die 3. Liga zurückkehren.

In der Regionalliga Nordost ist der der ehemalige Bundes,- Zweit,- und Drittligist FC Energie Cottbus gestrandet. Energie Cottbus konnte nach zwei Jahren in der Regionalliga Nordost wieder in die 3. Liga aufsteigen, doch stieg im gleichen Jahr wieder ab. Energie so wirkt es jedenfalls könnte in die Falle „Regionalliga“ getappt sein.

Der Westen, mit seiner Regionalliga West, nicht umsonst als Herzkammer des deutschen Fußballs bezeichnet bietet ein großes Feld an gestrandeten Traditionsvereinen. Die SG Wattenscheid, immerhin ehemaliger Bundesligist musste aufgrund einer Insolvenz den Spielbetrieb einstellen. Der SV Wuppertal, Gegner der Schanzer in der 3.-Liga-Saison 2009/2010 und ehemaliger Bundesligist hängt ebenso fest wie Fortuna Köln (Ex-Bundesligist), Rot-Weiß Oberhausen (Ex-Bundesligist). Ein sehr prominentes Beispiel für einen Klub der tief gefallen ist, ist Alemannia Aachen. Der Vize-Meister von 1969 gehörte 28 Jahre der 2. Liga an. 2005/2006 gelang Alemannia nach 36 Jahren wieder der Aufstieg in die Bundesliga. Nach einem einjährigen Aufenthalt, mit einem bitteren und auch unnötigen Abstieg (denn Aachen spielte eine super Hinrunde) begann auch der finanzielle Niedergang. Der neu gebaute Tivoli sollte zu einer enormen finanziellen Belastung werden, 2012/2013 stieg Aachen als Tabellenletzter in die Regionalliga West ab. Seitdem versucht Aachen an den Glanz vergangener Tage anzuknüpfen. Vergeblich. Und das nigelnagelneue Stadion ist erst recht ein Glotz am Bein in der Kaiserstadt.

Und dann wäre da noch Rot-Weiss Essen. Der Klub von der Hafenstraße, Deutscher Meister 1955 und mit seinem bekanntesten Kind, Boss und Weltmeister von 1954 Helmut Rahn und Horst Hrubesch ist mittlerweile ein Musterbeispiel dafür, wie schwer es ist aus der Regionalliga wieder hoch zu kommen. Gerade die jüngere Geschichte von RWE ist nur etwas für Hartgesottene. Der Ex-Bundesligist spielte 2010/2011 in der NRW-Liga (Oberliga) und sitzt seit 2011 in der Regionalliga fest. Finanziell schüttelte es RWE vor dem Jahr in der NRW-Liga öfters bis auf die Knochen durch. Man könnte auch sagen, die Regionalliga West ist endlich wieder eine Konstante. Zwischen 6.000 und 8.000 Zuschauer im Schnitt haben seit dem Aufstieg in die Regionalliga, im Schnitt die Spiele an der Hafenstraße verfolgt. Die Fans und die Stadt stehen zu ihrem Klub. Essen eine Stadt im Ruhrgebiet, die wie keine zweite für den Auf- und Abschwung des Ruhrgebiets steht, lechzt wieder nach Profi-Fußball. Doch auch dieses Jahr wird es nicht klappen. Denn aus der Regionalliga West wird Verl die Liga nach oben verlassen. Also heißt es in der kommenden Saison wieder Anlauf nehmen.

Doch im Westen, in dem das Herz des deutschen Fußballs schlägt, bröckelt es gewaltig. Dortmund und Schalke 04 sind die bekanntesten Ruhrklubs. Sie sind erstklassig. Bochum gelang es nachdem Abstieg in der Relegation nicht mehr nach oben zu kommen. Obwohl Bochum auch für viele zum Inventar der Bundesliga gehört. Etliche Klubs sind in der Regionalliga West versumpft. Preußen Münster hält in der 3. Liga die Fahne hoch. Duisburg pendelt immer wieder zwischen zweiter und dritter Liga.

Doch wie könnte eine Lösung aussehen? Klar Tradition alleine reicht nicht aus als Erfolgsgeheimnis. Traditionsvereine müssen genauso solide mit Maß und Auge wirtschaften. Und vor allem geduldig sein. Bestes Spiel für solch einen Traditionsverein ist der VfB Stuttgart. Ausgestattet mit frischen Millionen von Mercedes, wollten Teile der Vereinsführung nachdem erfolgreichen Klassenerhalt innerhalb weniger Jahre wieder zurück nach Europa. Stuttgart stieg über die Relegation wieder ab und ist es nicht gewiss, dass die Schwaben den Wiederaufstieg wieder schaffen. Auch der HSV gehört zu jenen Klubs die weder Geduld noch Kontinuität besaßen.

Was speziell die dritte Liga und die Regionalliga angeht, braucht es Reformen. Insbesondere die Landesverbände müssen hier tragfähige Lösungen finden. Diverse Reformpläne gaben es bereits. Reduzierung der Regionalligen, mehr Absteiger aus der dritten Liga. Aber eins muss der Grundsatz sein: Meister steigen in die dritte Liga auf. Finanziell lässt sich die Regionalliga kaum aufwerten. Außer die Regionalligen schnüren dahingehend ein Vertragswerk, dass die öffentlich-rechtlichen Sender pro Woche ein Spiel übertragen. Macht sich besser als irgendwelche komischen Sendungen und bringt den Klubs zumindest ein bisschen mehr Geld. Und klangvolle Duelle gibt es „leider“ genügend in den entsprechenden Ligen.

Gänzlich wird sich das Problem nie beheben lassen. Aber es könnte dafür sorgen, das Vereine leichter das Nadelöhr Regionalliga passieren können. Für den Fußball wäre es eine tolle Sache. Der Ball liegt wie schon so oft beim DFB und seinen Landesverbänden.

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