EM: Der Turnier-Nimbus ist dahin

Gegen England endete eine Ära. Joachim Löws Zeit als Bundestrainer endete jäh bei dieser EURO. Seine Bilanz als Bundestrainer ist beachtlich. Das Halbfinale bei Europa- und Weltmeisterschaften wurde zum Mindestziel. Doch bei der Weltmeisterschaft 2018 verglühte der „Stern Löw“. Bei der EURO in diesem Jahr kassierte das DFB-Team die Quittung dafür, dass kein spielerisches Konzept erarbeitet wurde. Ich mache mich ein bisschen auf die Reise. Denn Deutschland war oft erfolgreich und sogar sehr oft, wenn keiner mit uns rechnete. Außerdem soll es darum gehen, warum das DFB-Team letztlich scheiterte, vor allem in Wembley und wo Hansi Flick ansetzen sollte. 

Deutschland als Quartiermeister 

Der Geist von Spiez, Malente, der Schlucksee, Campo Bahia und der Watutinki. Wahrscheinlich gibt es keine Nationalmannschaft auf der Welt, bei der die Quartiere so viele Geschichten schrieben. In der Schweiz 1954, sorgte der Geist von Spiez u. a. dafür das Deutschland völlig überraschend Weltmeister wurde. Die als unschlagbar geltenden Ungarn hatten im Wankdorf-Stadion das Nachsehen. Der WM-Titel im Nachbarland erweckte ein ganzes Land, das nach wie vor von Zerstörungen des Krieges gebeutelt war.

In der Sportschule Malente in Schleswig-Holstein war das klassische Trainingslager-Quartier der DFB-Elf. Nachdem die Bundesrepublik Deutschland bei der WM 1974 gegen die Deutsche Demokratische Republik (DDR) mit 1:0 verlor, krachte es in Malente. Franz Beckenbauer soll als Spielführer an diesem Abend die Mannschaft zusammengebracht haben. Die Niederlage gegen die DDR bewahrte Deutschland aber vor einer Hammer-Zwischenrunden-Gruppe. Denn 1974 wurde mit einer zweiten Vorrunde gespielt. Deutschland setzte sich einer Gruppe gegen Polen, Schweden und Jugoslawien durch. Während sich die Niederländer gegen Brasilien, die DDR und Argentinien durchsetzen musste. Die Nacht von Malente war ein Baustein auf dem Weg zum zweiten WM-Titel.

1982 rumpelte sich Deutschland ins Finale. Und das mit allerlei störenden Begleitgeräuschen. Das Trainingslager am Schluchsee wurde zum Schlucksee. Denn die Abende waren ausufernd. Alkohol und Kartenspiele sollen die nächtliche Hauptbeschäftigung der DFB-Kicker gewesen sein. Bei der Schande von Gijon am 3. Spieltag der Gruppenphase spielten sich Österreich und Deutschland den Ball locker hin und her. Der DFB-Elf reichte die 1:0-Führung zum Weiterkommen. Algerien schied aus. In Folge dieser Partie wurden zukünftig die letzten beiden Gruppenspiele pro Gruppe zeitgleich ausgetragen. Im WM-Halbfinale zeigte Deutschland wieder seine Qualitäten. Nachdem Deutschland in der Verlängerung gegen Frankreich bereits 3:1 in Rückstand war, glich das Team noch aus. Legendär ist dabei der Fallrückzieher von Klaus Fischer. Im Elfmeterschießen bezwang die DFB-Elf schließlich die Equipe Tricolore. Im Estadio Santiago Bernabeu war vor 90.000 Zuschauern die italienische Mannschaft doch eine Nummer zu groß. Das DFB-Team verlor 3:1. 

1990 in Italien soll vor allem das Dolce-Vita-Feeling für das Wohlfühl-Klima gesorgt haben. Abgesehen davon hatte Deutschland damals eine fantastische Mannschaft. Das hitzige Achtelfinale mit der Spuck-Attacke auf Völler sorgte dafür, dass das DFB-Team endgültig entfesselt wurde.   

Im Campo Bahia sollte 2014 dann der Grundstein für den vierten WM-Titel gelegt werden. Kleine Hütten brachten die Spieler näher zusammen. Strand, Sonne, gute Stimmung. Trotz vieler Widrigkeiten (Verletzungen, das Achtelfinale gegen Algerien) wurde das Team am Ende Weltmeister. Und das auch völlig verdient.

Bei der EURO 2020 hätte das Quartier auch gepasst. Der „Homeground“ in Herzogenaurach wurde angelehnt an das Campo Bahia errichtet. Doch der Geist wollte nicht so richtig überspringen. Aber was hilft das beste Quartier, wenn das spielerische Konzept fehlt?

Die Turniermannschaft

Achtmal nahm Deutschland an einem WM-Endspiel teil. Viermal verlor Deutschland, viermal konnte man sich zum Weltmeister krönen. Brasilien verlor lediglich ein Endspiel bei fünf WM-Titel (1998 gegen Frankreich). Zwölfmal befand sich Deutschland unter den letzten vier des Turniers. Genauso wie die Finalteilnahmen ein Rekordwert. 

Bei Europameisterschaften ist Deutschland (noch) mit Spanien, Rekordtitelträger (je dreimal). Bei Europameisterschaften erreichte Deutschland sechsmal das Finale und stand neunmal unter den besten vier. Ebenfalls ein absoluter Spitzenwert. 

Doch die nackte Zahl ist nicht der absolute Wert. Denn die deutschen Mannschaften gehörten nicht immer zur absoluten Weltspitze. Trotzdem kam das Team oftmals sehr weit. Die größte Durststrecke in der jüngeren Fußballgeschichte hatte das DFB-Team nach der EURO 1992. Nachdem das Finale überraschend gegen Nachrücker Dänemark verloren ging, schied das Team bei der WM 1994 und 1998 im Viertelfinale aus. 1996 wurde das Team Europameister, bei der EURO 2000 und 2004 scheiterte Deutschland in der Vorrunde. 2002 kam Deutschland dafür überraschenderweise bis ins WM-Finale. Trotz eines Kaders der verglichen mit heutigen bei weitem nicht so gut war. Und auch dank eines überragenden Oliver Kahn der Deutschland, in der KO-Runde oft das Weiterkommen sicherte. 

Eine neue Erfolgsserie startete Deutschland dann ab 2006. Bei der Heim-WM feierte Deutschland mit einem offensiven und aktiven spielerischen Konzept seine Wiedergeburt. Am Ende scheiterte man im Halbfinale gegen Italien. 2008 kam Deutschland ins Finale der EURO 2008, verlor aber gegen Spanien. Bei der WM 2010 fand Deutschland trotz berauschender Auftritte gegen England (4:1) und Argentinien (4:0) wieder in Spanien seinen Meister. Bei der EURO 2012 verlor Deutschland wieder gegen Turnier-Angstgegner Italien im Halbfinale, 2016 bei der EURO war im Halbfinale gegen den Gastgeber Frankreich, Schluss. Und nachdem WM-Titel folgte Deutschland den Titelträgern Frankreich und Spanien in einer neuen Tradition. Bei der WM 2002 schied Frankreich torlos als Titelverteidiger aus. 2014 flog Spanien als Weltmeister aus dem Turnier. 2018 blieb Deutschland als ewige Turniermannschaft davor nicht verschont. Ein großes Thema war das vor dem Turnier nicht. Denn wieso sollte der Dampfwalze Deutschland sowas schon passieren? 

Deutschland als passiver Gegner

Gerade bei den Weltmeisterschaften 2010 und 2014 spielte Deutschland einen berauschenden Fußball. Die Zeiten des teilweise furchtbaren aber effektiven Rumpelfußballs waren endgültig vorbei. Den ersten Vorgeschmack bekam die Fußballwelt aber bereits bei der EURO 2008. 

Das DFB-Team war der aktive Part im Spiel. Überfallartig wurden die Gegner teilweise attackiert und beackert. Und 2014 sorgte am Ende vor allem ein Attribut zum WM-Sieg: der Kampfgeist. Denn das DFB-Team war auch immer für eins bekannt: Kampf bis zum Gang in die Dusche. Ein DFB-Team ist nicht besiegt, wenn man 2:0 führt. Doch bereits bei der EURO 2016 ließ sich ein Abwärtstrend feststellen. Trotz des Erreichens des Halbfinals, kam Deutschland mit mickrigen drei Toren in drei Vorrundenspielen ins Achtelfinale. Nachdem Miroslav Klose als WM-Rekordtorschütze seinen Rücktritt erklärte, fehlte vor allem ein klassischer Knipser. Ein Spieler der jederzeit aus allen möglichen Situationen ein Tor erzielen kann. Dieses Problem wurde bis heute nicht behoben, was auch an der Nachwuchsförderung liegt.

Die U21 wurde 2009 Europameister. In der Final-Startelf standen damals: Manuel Neuer, Jerome Boateng, Benedikt Höwedes, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil. Die spätere goldene Generation der Nationalmannschaft. Eingerahmt von den erfahrenen Spielern Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger gelang 2014 mit dem perfekten Mix der vierte WM-Sieg. 2017 und 2021 gewann die U21 ebenfalls den EM-Titel. Doch eine Reihe von erstklassigen A-Nationalspielern entsprangen diesen Sieger-Teams nicht.

Bei dieser EM zeigte sich umso mehr, dass Deutschland die siegbringende Spiel-Idee wohl abhandengekommen ist. Gegen den Lieblingsgegner Portugal gelang zwar ein Sieg mit 4:2. Doch insbesondere gegen Frankreich und England zeigte das DFB-Team einen erschreckenden passiven Auftritt. Viele Pässe, viel Sicherheit, wenig Risiko und wenig Bewegung. Damit reichte eine plumpe Flanke um England spät in Führung zu bringen. Das 2:0 war eine Kopie des ersten Tores. D

Auch die Dreierkette sorgte vor allem dafür, dass der Defensivverbund nicht sattelfest war. Eine Dreierkette muss eingeübt werden. Die Abstände müssen jederzeit passen. Die Außenverteidiger, die die Dreier, zu einer Fünferkette machen, müssen ebenfalls wissen, wann sie wieder in die Defensive abrücken müssen. Denn sie sollen vor allem auf dem Flügel offensiv für Druck sorgen. Eine Viererkette war lange die gewohnte Formation. Vier Spiele, vier Rückstände. Die nicht eingespielte Defensive, gepaart mit zu wenig Risikobereitschaft in der Offensive stieß Deutschland ins Verderben. Entscheidend sind oft die Automatismen. Wann läuft welcher Spieler wohin? Startet Werner durch, wenn Havertz einen Steilpass spielt? Vielleicht suchte Trainer Löw und das Team aufgrund dieses Wissens, auch das Heil im Sicherheitsfußball. Fakt ist aber auch, das Joachim Löw einem Spieler wie Kevin Volland, nicht dauerhaft die Chance gab. Er hätte das Format als klassischer Stürmer besessen.

Hansi Flick hat viel Arbeit vor sich. Aber es gibt schwierigere Aufgaben im Weltfußball.

Ist jetzt alles schlecht? Gewiss nicht. Zwar sind das Vorrunden-Aus bei der WM 2018 und dieses Achtelfinal-Aus für Deutschlands Verhältnisse und Selbstverständnis eine Katastrophe. Angesichts des guten Spielermaterials ist das Ausscheiden umso bitterer. Und Deutschland wäre auf der leichten Seite des Turnierbaums gewesen. 

Das Spielermaterial ist gut. Leory Sane, Kai Havertz und Leon Goretzka im Mittelfeld sind auch einem hohen Niveau, aber noch nicht Weltklasse. Im Sturm könnte Flick vielleicht auf Volland setzen. Oder es tut sich aus dem Nichts jetzt ein neuer deutscher Weltklasse-Stürmer auf. In der Verteidigung gibt es noch ein Vakuum. Aber auch hier wird Flick, Lösungen finden. Wichtig sind vor allem folgende Dinge um das DFB-Team, spätestens bei der Heim-EM 2024 zum Titel zu führen:

– Deutschland tritt wieder als aktive Mannschaft auf dem Platz auf. Mit Tempo und Risikobereitschaft

– Das DFB-Team spielt wieder in der Vierkette

– Das Team spielt sich bis zur WM 2022 im ersten Step ein. Nach der WM in Katar kann das Team einen weiteren Entwicklungsschritt machen

– Im Mittelfeld bildet sich insbesondere im Zentrum eine neue junge Achse. 

– Joshua Kimmisch und Leon Goretzka übernehmen mehr Verantwortung und führen das Team

– Auf den Außenverteidiger-Positionen findet sich eine neue Zange. 

– Bei der Talentförderung muss mittelfristig ein neuer Fokus gelegt werden: mehr Individualität und Kreativität

Deutschland hat jetzt mal eine Durststrecke. Doch auch wir müssen nun einsehen, dass man sich immer auf fußballerischeGewissheiten verlassen kann. Einen Turnier-Nimbus, eine Serie muss gefüttert werden. Sie lebt nicht davon, dass es sie halt gibt. Sondern solche Serien sind hart erarbeitet werden. Wenn Hansi Flick und die Nationalmannschaft das fußballerische Talent mit dem Kampfgeist gepaart, dann gehört das DFB-Team auch in den Ergebnissen wieder zur Weltspitze. Dazu gehört aber im Winter nächsten Jahres vor allem eins. Ein typisch deutscher Einzug ins WM-Halbfinale. Mindestens.

Die deutsche Turnierbilanz seit 2000

EURO 2000 Niederlande / BelgienVorrundePortugal, England, Rumänien (4.)
WM 2002 Japan / SüdkoreaFinaleBrasilien (0:2)
EURO 2004 PortugalVorrundeNiederlande, Tschechien, Lettland (3.)
Konföderationen-Pokal 2005 DeutschlandHalbfinaleBrasilien (2:3)
WM 2006 DeutschlandHalbfinaleItalien (0:0/ 2:0 n. V.)
EURO 2008 Österreich / SchweizFinaleSpanien (0:1)
WM 2010 SüdafrikaHalbfinaleSpanien (0:1)
WM 2014 BrasilienWeltmeisterArgentinien (0:0 / 1:0 n. V.)
EURO 2016 FrankreichHalbfinaleFrankreich (0:2)
Konföderationen-Pokal 2017 RusslandSiegerChile (1:0)
WM 2018 RusslandVorrundeMexiko, Schweden, Südkorea (4.)
EURO 2020 EuropaAchtelfinaleEngland (0:2)

Titelbild: Bild von Jefferson Alessandro Jeff Alex auf Pixabay

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