Bauern gegen Stoderer. Erinnerungen an den guten alten Fußball

Mein Opa ist ein Fußball-Fanatiker. Er hat selbst ewig für seinen Heimatklub SV Karlshuld gespielt, ist seit Kindesbeinen Club-Fan. Wenn er über früher redet, dann schwingt da Nostalgie, Freude und auch viel Sehnsucht mit. Er hat den Fußball noch so erlebt, wie viele ihn wieder haben wollen. Ganz gleich ob auf Amateur- oder Profiebene.
1954 hörte er das WM-Endspiel in Bern am Volksempfänger, in den 1960er-Jahren versammelte sich die komplette Straße in einem Wohnzimmer. Denn genau einer hatte damals einen Fernseher. Fußball das Lagerfeuer der Nation. Und das Lagerfeuer fand für alle Bewohner einer Straße in einem Wohnzimmer statt. Und die Straße in der er aufwuchs und wenige Häuser weiter vorne selbst baute, ist sehr lang.


Wie ich darauf komme, davon zu schreiben? Ganz einfach, es sind die Erlebnisse von ihm, die die Sehnsucht nach der guten alten Zeit nähren. Damals als der Grundsatz: Wer arbeitet, wird was – noch galt. Die Zeit in der sich das ganze Dorf am Sportplatz versammelte. Nicht 200, sondern bis zu 5.000 Leute. Als Derbys zwischen Karlshuld und Neuburg, die Spiel der Spiele waren. Die Bauern gegen die Stoderer (Städter). Und als die Bauern den Gegner schlugen, wurde tagelang durchgesoffen. Für diese Exzesse benutzt mein Großvater viele Superlative: zu wie ein Haubitze, gesoffen wie ein Besenbinder usw. Es war halt damals einfach so. Da wurde gefeiert, ganz gleich ob gewonnen oder verloren wurde. Und warum? Weil man beinand war. Heute werden für Teambuildung-Maßnahmen aber Tausende Euroa ausgegeben. Früher hat man in der Wirtschaft halt gesoffen. Und der Wirt hat immer die obligatorischen Maß Goaßn zur Verfügung gestellt. Wie gesagt, ganz gleich, wie das Spiel endete. Damals als der Wehrdienst noch 19 Monate dauerte. Kommentar Opa: geile Zeit, aber auch eine Scheiß Zeit. Als ihm der Spieß frei gab, für ein Fußballspiel war er fahnenflüchtig. Er fand sich nachdem Spiel im Krankenhaus wieder. Schien- und Wadenbeinbruch. Dort lernte er meine Oma kennen. Sie war seine Krankenschwester. Und am Ende die Frau fürs Leben. Der Fußball blieb aber immer seine Maxime. Arbeiten, Fußball, die Kinder durchbringen, gut erziehen, anständig erziehen. Das was er mir vorlebte, war wer arbeitet wird was. Ich glaube daran und ich lebe danach. Er war es auch, der mich zum FCI brachte. Er fuhr mit mir im Gepäck, an die entlegensten Orte im schönen Bayern. Frohnlach, irgendwo in Franken, war nur einer davon.

Damals kickten auch die Leute aus dem Ort in ihrem Verein. Sie liefen nicht wie heute dem Geld hinterher. Wer gut zahlt, da wird gespielt. Der Amateursport ist in vielen Bereichen genauso versaut wie der Profisport. Loyalität? Fehlanzeige! Wer das Gegenteil behauptet, lügt. Es gibt diese Klubs nur noch vereinzelt. Und bei diesen Klubs versammelt sich halt das ganze Dorf, wenn es in der Relegation um den Kreisliga-Aufstieg geht. Und wenn die Relegation verloren geht, geht´s halt ins Wirtshaus. Den Frust ertränken. Bei einem Aufstieg wäre tagelang Ausnahmezustand.
In meiner Gegend gibt es einen Verein, der an zwei Wochenenden stets eine Spielverlegung beantragt. Am Mai-Wochenende und am Barthelmarkt-Wochenende. Eine Erklärung ist glaube ich, nicht nötig. Soviel sei gesagt, an einem dieser Wochenenden kam uns die geschlossene Fußballmannschaft uns mal morgens gut angedudelt im Wald entgegen.
Diese Gemeinschaft, der Kit einer jeden Gesellschaft fehlt. Die Dörfer werden anonymer. Billiger Bauplatz und raus aus der Stadt. Was für die Gemeinschaft tun? Sich engagieren in Vereinen oder politischen Gemeinschaften. Warum auch? Früher ging man an den Sportplatz um bei de Leid zum sei. Die Frauen ratschten vor dem Lebensmittelgeschäft, bei uns da Lederer, die Männer hingen am Sonntag am Sportplatz ab. In anderen Landstrichen des Freistaats wurde über die Fackepreise am Sportplatz geredet. Mei, was man halt so red. Aber das war der Kitt in der Ortschaft. Der Fußball, die Spieler auf dem Platz, die Hoibe die nie leer wurde, sondern stets nachgefüllt wurde. Die Frauen die Wurstsemmeln schmierten und Kuchen backten um die hungrigen Männer mit Essen zu versorgen.
Aber wie ich eigentlich draufkomme? Wegen dieser Tabelle:
https://fussballineuropa.de/index.php/uebersichten/ereignis-tabellenanzeige/ranking/0/0/34562:bayern-landesligen-staffel-sued-1982-83/0/1151906:19.Spieltag/0/0/0

1982/1983 spielte der SV Karlshuld eine von zwei Spielzeiten in der Landesliga. Über der Landesliga kam damals die Bayernliga, die 2. Liga und dann die Bundesliga. Die Landesliga war damals also ein Ritterschlag. Die Ergebnisse wurde im Radio beim Bayerischen Rundfunk durchgesagt. Stolz erzählt man sich heute noch im Ort von dieser Zeit. Und in dieser Liga spielte auch damals der ESV Ingolstadt. Der Eisenbahner Sport Verein. Der Arbeiterklub aus Ingolstadt-Ringsee. Und einer von zwei Vorgängervereinen des FC Ingolstadt 04. Außerdem der SC Fürstenfeldbruck, TSV 1860 Rosenheim und der VfR Neuburg. Neuburg – Karlshuld war das Derby schlecht hin. Das Spiel gegen den ESV war für viele wohl das Spiel des Lebens. Vielleicht das Spiel der Vereinsgeschichte im Pflichtspielbetrieb. Karlshuld schlug damals im ESV-Stadion, den ESV mit 5:2. Das Rückspiel auf dem Dorf endete 3:3. Gegen den VfR ging der SVK einmal mit 5:0 unter. Das zweite Spiel endete 1:1. Am Ende hielt der SVK die Klasse. Im Folgejahr stieg der SVK ab. Aber auch hier gelangen dem SVK einige einmalige Erfolge. Der ESV Ingolstadt ging dieses Mal mit 5:0 gegen Karlshuld unter. Und in der Liga befand sich damals auch der SV Wacker Burghausen. 
Es waren die beiden erfolgreichsten Jahre der Vereinsgeschichte. Bis heute. Die Bezirksliga ist seither der große Sehnsuchtsort. Doch der Weg dorthin führt nur mit Söldnern und bezahlten Spielern möglich. Weil es der „Markt“ halt so vormacht.

Die gute alte Zeit. Warum mein Opa immer noch über die Sportplätze tingelt, bewaffnet mit Kamera und Block? Es ist einfach, er liebt dieses Spiel. Nur wer dieses Spiel mit soviel Hingabe liebt, erdudelt das ganze Drumherum. Mit so Begriffen mit Liebe zum Sport, kann er nichts anfangen. Er wurde abwinken und sagen: mei Bua. Er hat sie aber mit erlebt, die gute alte Zeit. Und ich könnte ihm stundenlang zuhören, wie er von ihnen erzählt.

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