Meinung: Traditionsvereine sind nicht die besseren Klubs

Seit geraumer Zeit verfolge ich auf Twitter und im Blog selbst, die Beiträge und Tweets von Catenaccio 07. Hier bloggt André über Rot-Weiss Essen. Über diverse Tweets hat er mich angestachelt mal einen Beitrag  zu Traditionsvereine zu verfassen. Hier der Beitrag. Auch André hat sich dazu geäußert, seine Ergänzung / Meinung gibt es dann in einem separaten Beitrag zu Lesen. -> Meinung: Gastbeitrag von Catenaccio 07

 

Traditionsvereine. Dieses Wort wird regelrecht inflationär im deutschen Fußball verwendet. Traditionsvereine sind eine Minderheit die schützenswert ist. So kommt es einem jedenfalls vor. Es gibt nur noch die Traditionsvereine und die Klubs die keiner braucht. Mein Verein, der FC Ingolstadt 04 gehört zur zweiten Sorte.

Grundsätzlich entscheiden in erster Linie erstmal die Anhänger selbst, ob ein Klub gebraucht wird oder nicht.

„…Manchmal kann man das Gefühl gewinnen, dass Traditionalisten denken die Traditionsvereine können den Fußball retten…“

Der Fußball hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Zu einer Kommerz-Maschinerie, die teilweise ihres Gleichen sucht. Nur die NHL, NFL und die NBA in den USA schwimmen noch mehr im Geld als der Fußball in Europas Topligen. Es werden horrende Ablösesummen bezahlt, millionenschwere Sponsorendeals abgeschlossen, Turniere in die Länder vergeben in denen sich sogenannte Wachstumsmärkte sich befinden, es werden immer mehr Anstoßzeiten angesetzt um noch mehr Geld zu generieren. An das so scheint, gewöhnt man sich. Denn solche Sachen gab es schon immer. Die Ablösesummen stiegen immer, Sponsorenerlöse ebenso wie es immer mehr Anstoßzeiten gab. Das ist eine Entwicklung die es nicht erst seit fünf Jahren gibt, die gibt es schon bedeutend länger.

…Traditionsvereine haben generell immer Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird. Doch was soll denn passieren?…“

Manchmal kann man das Gefühl gewinnen, dass Traditionalisten denken die Traditionsvereine können den Fußball retten. Nur Traditionsvereine sind würdig erstklassig zu spielen. Nur jene besitzen eine wahre Seele, wahre Fans und haben Anspruch gehört und geliebt zu werden. Wie groß war der Hass damals als die TSG Hoffenheim auf einmal erstklassig spielte. Ich selbst habe als FCI-Fan die TSG Hoffenheim noch als Gegner in der Regionalliga Süd (damals dritte Liga) erlebt. Die Spiele fanden noch in Hoffenheim selbst statt im Dietmar-Hopp-Stadion. Als mir damals ein alter Greis erzählte, was Hopp mit der TSG vorhabe, habe ich damals nur abgewunken. Er hatte Recht, wie wir mittlerweile wissen. Dietmar Hopp hält mittlerweile sogar die Mehrheit an der TSG. Und das total legal. Wer über 20 Jahre einen Klub fördert, darf die Mehrheit übernehmen. Das ist die Ausnahmereglung bei 50+1.

Doch die Frage ist doch, wann ist ein Klub ein Traditionsverein? Wenn er über 100 Jahre alt ist? Wenn er dreimal Deutscher Meister wurde? Wenn er Gründungsmitglied der Bundesliga ist? Wie definiert sich Tradition?

Zweifelsohne besitzt ein 1. FC Köln eine längere Geschichte als zum Beispiel mein Klub der FC Ingolstadt 04. Ist deswegen mein Verein ein schlechterer? Fakt ist auch ohne Geld geht es ohnehin nicht mehr in diesem Geschäft. Wer nicht genügend Geld für eine vernünftige Infrastruktur besitzt und auch für einen Kader, der ist nicht wettbewerbsfähig. Und Tradition schützt nicht davor seine Hausaufgaben zu machen. Schon viele Klubs sind durchgereicht werden. Und viele tummeln sich in drei großen Auffangbecken in Deutschlands Ligasystemen. Liga zwei, der dritten Liga und den Regionalligen.

Da finden sich einige klangvolle Namen. Die Klänge groß sind, die sportliche Zukunft allerdings nicht immer alles andere als rosig. In Liga zwei: Kaiserslautern, Nürnberg, Düsseldorf, Bochum, Braunschweig, Bielefeld, St. Pauli. Nur um einige zu nennen.

Die dritte Liga ist auch ein Auffangbecken. Eine Zwischenstation zwischen abrutschen in die Bedeutungslosigkeit (Regionalliga) und zweiter Liga. Auch hier kicken einige Traditionsvereine mit. Doch einige mehr findet man in der Regionalliga West. Dort wo das Herz des deutschen Fußballs schlägt. Schon damals und noch heute. Rot-Weiß Oberhausen, Rot-Weiß Essen, Alemannia Aachen, SG Wattenscheid und SV Wuppertal. Alles ehemalige Bundesligisten. Mittlerweile einige Jahre in der Regionalliga gefangen. Der Weg nach oben ist sehr beschwerlich. Erst finanziell, zweitens durch die bescheuerte Relegationsreglung zwischen Regionalliga und dritter Liga.

Die Wut zogen die Traditionsvereine dann vor einiger Zeit auf mich, als sich Köln und u. a. Gladbach zu einem Team verbündeten. Ziel war mehr Fernsehgelder zu generieren. Vereine die mehr Fans, bessere Quoten im Fernsehen haben, sollen doch bitte auch mehr Geld erhalten. Sag mal, geht´s noch? Die Bundesliga ist ohnehin eine Zweiklassengesellschaft, wenn nicht sogar manchmal eine Dreiklassengesellschaft. Und dann kommen einige Teams daher und fordern mehr Geld, weil sie „Traditionsvereine“ sind.

„..Für jeden Verein ist Platz. Und jeder Verein hat seine Daseinsberechtigung…“

Traditionsvereine haben generell immer Angst, dass ihnen etwas weggenommen wird. Doch was soll denn passieren? Der FC Ingolstadt 04 kam und ging nach zwei Jahren wieder. Ingolstadt und Darmstadt drückten den Bundesliga-Gesamt-Zuschauerschnitt nach unten. Nicht, weil sie die Bude nicht vollbekamen, sondern weil einfach die Stadien klein sind.

Sportlich jedenfalls haben sich meine Schanzer den Aufstieg damals mehr als verdient. Den Klassenerhalt ebenso. Dass wir abgestiegen sind, ist sportlich absolut gerechtfertigt. Trotzdem bin ich in der Meinung wir haben die Bundesliga bereichert. Mit Kampf, Leidenschaft und manchmal auch guten Fußball. Es geht nicht darum ob ein Team, guten Fußball spielt, sondern dass die Ergebnisse stimmen. Einzig im Titelrennen erwartet man von den Top-Teams dass sie auch ordentlichen Fußball abliefern.

Die Unterteilung in Traditionsvereine und andere Kack-Vereine halte ich persönlich für vermessen. Strenggenommen ist Bayer 04 Leverkusen auch ein Traditionsverein. Da das Team eine alte Werksmannschaft ist, hat es sogar richtig viel Tradition und sehr alte Wurzeln.

Doch alles was mit Kapital in den Markt strömt, ist böse. In England werden ganze Klub-Logos einfach mal so geändert, weil der Investor das halt cool findet. In der englischen Premier League gibt es nur noch wenige echte alte Traditionen. Die größte ist wohl der legendäre Boxing Day bzw. dass zwischen den Jahren einfach mal konsequent weitergekickt wird. Ansonsten ist diese Liga von Geld verseucht. Und auch hier tummeln sich einige alte Klubs. Doch ist Liverpool ein Kackverein weil er sich auch Spieler mit hohen Ablösesummen in den Kader holt? Geht es nach dieser Logik gibt es in England keine Traditionsvereine mehr und zwar bis in die dritte Liga. Denn fast jeder ist aufgekauft worden von einem Investor. Prost, Mahlzeit. Geschweige denn die Ticketpreise. &&& Dafür ist der Titelkampf seit einigen Jahren Mega spannend. Naja, man kann ja nicht alles haben.

Für jeden Verein ist Platz. Und jeder Verein hat seine Daseinsberechtigung. Okay, einer nicht. Aber ansonsten haben zu 95 % die Klubs einen romantischen Auftrag: Fußball spielen, erfolgreich sein und gewinnen. Das ist auch bei der TSG Hoffenheim so. Klingt naiv, aber so ist es. Wenn man jetzt mal die ganzen Transferpoker ausblendet.

Ein Traditionsverein hat genauso seine Aufgaben zu machen, wie alle anderen Klubs auch. Tradition schützt nicht vor Misserfolg. Jüngstes Beispiel der VfB Stuttgart. Großer Klub, Tradition, Fans ohne Ende. Und zack war man zweitklassig. Ja, kann jedem Mal passieren, außer vielleicht dem HSV. Auch die Hamburger werden ihren Preis noch bezahlen. Und dann wird es auch die Wichte geben die sagen, ja der HSV gehört in Liga eins. Äh, ne. Wenn der HSV einfach nicht sportlich fähig ist, erstklassig zu spielen, steigt er halt ab. Gründungsmitglied der Bundesliga, hin oder her. Das ist mir egal. Die Bundesliga wird es überleben. Und die Bundesliga überlebt auch Klubs wie Ingolstadt oder Hoffenheim. Und ganz ehrlich, ob andere Menschen ein Spiel Hoffenheim – Ingolstadt spannend finden oder nicht, ist mir sowas von egal. Weil ich meine Mannschaft sehen will. Keiner zwingt jemanden diese Partien als neutrale Person anzuschauen. Aber aufregen tut man sich trotzdem. Das ist reine Stammtisch-Polemik.

Ich bin ein kleiner Fußballromantiker, ich würde mir einige Klubs aus der Regionalliga, dritten oder zweiten Liga im Oberhaus wünschen. Doch Fußball ist kein Wunschkonzert. Fragt mal Alemannia Aachen. Die kennen sich auch aus im Bereich, einen Traditionsverein durch Größenwahnsinn, Misswirtschaft, Unfähigkeit und schlechtes Management sowas von gegen die Wand zu fahren, dass alles zu spät ist. Meine Schanzer haben noch gegen Aachen in Liga zwei gespielt. Jetzt sind sie weg. Und so schnell werden sie nicht wieder hoch kommen.

Jeder Mensch kann den Klub lieben, den er möchte. Manche haben eine masochistische Ader und beweisen Leidensfähigkeit. Was glaubt ihr denn, was ich mit meinem Klub schon alles mitgemacht habe? Uns lief der Rotz nicht immer die Nase hoch. Da waren auch ganz viele Kack-Saisons dabei seit 2004. Gebet euch die Hand und liebt einander. Wer gute Arbeit macht, wird belohnt. Gladbach, Mainz oder auch Freiburg. Traditionsvereine die mit Hirn und Verstand arbeiten. Schlechte Beispiele: u. a. Aachen. Den Untergang der Traditionsvereine haben gewiss nicht Klubs wie Leipzig, Ingolstadt oder Hoffenheim befeuert. Das waren die Vereine schon selbst. Tradition hin oder her. Echte Vereinsliebe kennt keine Ligazugehörigkeit und kein Leid ist groß genug. Und das ist bei fast allen Klubs so. Wenigstens eine Gemeinsamkeit zwischen diesen und den bösen Schmuddel-Klubs die keine Tradition haben.

2 Gedanken zu “Meinung: Traditionsvereine sind nicht die besseren Klubs

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