EURO 2024: Parallelen zu 2006 – der Beginn einer neuen Ära?

Vor der EURO 2024 wurde der Geist des Sommermärchens 2006 oftmals beschworen. Es gibt viele Parallelen zwischen beiden Turnieren. Beide enden ähnlich tragisch. Und beide Turniere könnten der Beginn einer neuen Zeitrechnung für die deutsche Nationalmannschaft werden.

2006, damals war ich 12 Jahre. Ich bekam von meinen Großeltern das Heimtrikot beschenkt, ich sammelte die WM-Sticker. Regelmäßig suche ich nachdem Album zuhause, weil ich Angst habe, es ist zwischen Umzügen und ausmisten doch verloren gegangen. Ich kann mich noch an jedes deutsches Spiel erinnern, an meine Emotionen und die Orte an denen ich die Spiele geschaut habe.

Mittlerweile bin ich 30, erlebe dieses Heim-Turnier viel bewusster. Wieder sammle ich die Sticker. Dieses Mal besuchte ich zweimal die Fanzone in München und hatte großes Glück das Achtelfinale Niederlande – Rumänien in München im Stadion verfolgen zu dürfen. Wenn die Niederlande wie 1988 in Deutschland den EM-Titel gewinnen, könnte das der fußballerische Sommer meines Lebens werden.

Die sportlichen Parallelen zwischen 2006 und 2024 sind durchaus gegeben. 2006 fehlte einer aufopferungsvoll kämpfenden Mannschaft das Glück und auch die Reife, den Angstgegner Italien aus dem Wettbewerb zu befördern. 2024 heißt der Angstgegner Spanien. Seit der EURO 1988 gelang dem DFB-Team kein Turniersieg mehr gegen Spanien. Wie gegen Italien 2006 fehlte dem DFB-Team eine Minute fürs Elfmeterschießen. Wieder schwanden die Kräfte, wieder nutzte der Gegner schamlos einen kleinen Fehler für das große Glück aus. Und dieses Mal war Deutschland aber der 60. Minute klar spielbestimmend, mit den deutlich besseren Chancen.

Selten war ich in den letzten Jahren so angespannt während des Spiels als gegen Spanien. Das DFB-Team hatte mich wieder eingefangen. Belächelt werden viele wenn sie von den deutschen Tugenden: Kampf- und Laufbereitschaft, sprechen. Doch diese Tugenden haben gegen Spanien fast den Unterschied gemacht. Das DFB-Team trat extrem aggressiv auf. Die Mannschaft kann sich nichts vorwerfen lassen in punkto Einsatz. In der Chancenverwertung aber sehr wohl. In einem EM-Viertelfinale serviert dir keine Weltklasse-Mannschaft so viele Chancen. Nur wenn sie es tut, muss man auch treffen.

Die Auftritte der deutschen Mannschaft waren klug geplant. Mit seiner Kader-Radikal-Kur im November hat Julian Nagelsmann alles richtig gemacht. Mats Hummels und Leon Goretzka mussten „zuhause“ bleiben. Hat sie jemand vermisst? Spieler wie Robert Andrich, Maximilian Mittelstädt oder Niklas Füllkrug schlüpften in neue Rollen. Auch die Rückkehr von Toni Kroos half extrem, ein Gerüst im Mittelfeld zu bilden. Die Mannschaft trat wie ein verschworener Haufen auf. Nur dieses füreinander durchs Feuer gehen, ist eben nur ein Baustein von vielen, der zu einem Titel führt.

Doch Julian Nagelsmann hat mit seiner Kader-Nominierung, seiner klaren Rollenaufteilung und spielerischen Idee, die Nationalmannschaft wieder in den Fokus der Menschen gerückt. Dieses EM-Turnier kann der Auftakt einer neuen Zeitrechnung werden, wenn Nagelsmann weiter nach seinem Prinzip: Leistung vor Name arbeitet und versucht eine Harmonie im Gefüge zu erhalten. Und natürlich darf nicht vergessen werden, dass wir weiterhin Positionen mit Sorgen und Nöten haben. Bei den Außenverteidigern, im Sturm und teilweise auch im Mittelfeld. Doch die Kunst wird es am Ende sein, ein Team zu formen, das funktioniert. Bis zur nächsten Weltmeisterschaft 2026 in den USA, Mexiko und Kanada hat Julian jetzt zwei Jahre Zeit, die Euphorie mitzunehmen und an einem Masterplan zu arbeiten.

Auch der Bundestrainer selbst, ist gewachsen an diesem Turnier und dieser Aufgabe. Er vergisst bei der Abschlusspressekonferenz nicht, sein Team hinter dem Team in den Fokus zu rücken. Er zeigt seine echten Emotionen und trifft so Millionen Fußballfans ins Herz. Dieses Turnier, diese Truppe haben ihm sehr viel bedeutet, genauso wie Millionen Deutschen. Meine Hypothese ist, dass er beim FC Bayern so einen Spirit eben nie spürte und es sich deswegen so intensiv anfühlte.

Bittere Niederlagen schweißen ein Team zusammen und können einen Weg ebnen. Ein Viertelfinale ist nicht der Anspruch einer deutschen Nationalmannschaft, gemessen an den Ansprüchen vor 2018. Gemessen an dem wo wir herkommen (seit 2018) ist dieses Viertelfinale, vor allem in der gesamten Art und Weise, ein Erfolg.

Ein Erfolg an dem sich anknüpfen lässt. Bis 2026 ist noch eine Weile hin. Aber seit der Amtsübernahme von Julian Nagelsmann, stehen Länderspiel-Termine jetzt wieder in meinem Terminkalender. Flieg DFB-Adler, flieg!

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