Europapokal: Der Fußball hat sein Fußvolk verloren

Wenn mittwochs das Flutlicht angeht, herrscht immer eine besondere Stimmung. Europapokal-Abende sind etwas Besonderes, ganz egal ob die eigene Mannschaft auf dem Platz steht. Doch seitdem die Champions League komplett ins Pay-TV abgewandert ist, hat der Fußball viele Anhänger verloren. Viele Anhänger, für die der Europapokal ein Lagerfeuer war.

Die Champions League Endspiele 2012 (Chelsea – Bayern) verfolgten 16,79 Millionen Zuschauer und 2013 (Dortmund – Bayern) 21,61 Millionen. Gigantische Zahlen. Doch das ZDF stieg vor zwei Jahren aus dem Millionenspiel aus. Absolut nachvollziehbar. Bei circa 12 – 20 Millionen Zuschauern gibt es immer noch genügend Rundfunkbeitragszahler die sich für Fußball eben nicht interessieren. Gegenüber allen Beitragszahlern ist das verpulvern von Abermillionen Euro nicht zu vermitteln.

Doch vor allem vergisst der Fußball an sich, dass dieser Sport ein Volkssport ist. Als die CL noch im Free-TV lief, trafen sich meine Freunde und ich immer einmal die Woche um das Spiel anzuschauen, dass im ZDF lief. Uns war auch recht egal, welche deutsche Mannschaft spielte. Hauptsache auf der Couch hocken, Fußball hocken, Bierchen trinken und ratschen. Und zwei von unserer Dreier-Runde sind zwar interessiert am Fußball, aber nicht in dem Maße, dass sie monatlich Geld für DAZN oder Sky bezahlen würden. Und genau jene Interessierte, die Fußball einschalten, wenn er läuft, sind verloren gegangen. Und das ist ein Teil der Zuschauer, der nicht zu unterschätzen ist. Und von diesen Menschen gibt es Zehntausende in Deutschland.

Doch das spielt in den Gedanken der Klubs wie Real Madrid und Juventus Turin keine Rolle mehr. Beide Klubs sind Verfechter einer Super League. Damit der Bock noch fetter vor lauter Geld wird. Der faule Kompromiss ist die CL-Reform die ab 2024 greifen soll. Eine aufgeblasene Vorrunde, mit lediglich 10 Spielen, die im komplizierten Setzsystem ermittelt werden, Playoff-Spielen für das Achtelfinale. Heißt im blödsten Fall sehen wir pro Saison mehrfach das Duell Bayern – Real Madrid. Jenen Halbfinal-Klassiker, der Millionen Menschen in Deutschland vor den Fernseher getrieben hat. Spiele, bei denen tagelang über das Hinspiel-Ergebnis auf dem Pausenhof, im Büro und zuhause orakelt wurde. Es waren jene Abende, an denen mein Opa mir erlaubte „länger aufzubleiben“, selbst wenn es Verlängerung gab. Europapokal am Dienstag oder Mittwoch, das war ein Ritual. Ritual für Millionen von Menschen.

Die neue CL bezeichnet Watzke vom BVB, als einzige Chance eine Super League zu verhindern. Na wunderbar. Dann blasen wir halt das Millionenspiel noch mehr auf. Doch genau vom „besonderen“ lebte und lebt der Europapokal wieder. Klar gab es das Duell Bayern – Real seit 2000 oft in der Ko-Runde. Doch stets waren die Voraussetzungen immer Andere. Und selbst wenn es dieses Halbfinale nacheinander gab, war es immer noch spannend. Denn dann ging es um Revanche und darum, ob Bayern mittlerweile in der Lage war, Real „endlich“ wieder rauszukegeln. 

Das Aufblähen von Turnieren ist ohnehin ein neuer Trend. Um sportlichen Wettbewerb geht es ohnehin nicht mehr. Denn durch eine ausgefuchste Koffizienten-Regelelung sollen einige Teams ganz unabhängig vom Abschneiden in der Liga, trotzdem startberechtigt für die CL werden. Die guten Ergebnisse in der CL in den letzten zehn Jahren könnten also dafür sorgen, dass sich die Bayern trotz Platz 5 oder schlechter, sich trotzdem  mit Chelsea, Real oder Turin sich messen dürfen. Das hat mit dem Gedanken des Sports nichts mehr zu tun. Das wäre genauso, wenn Schalke aufgrund seiner langen Zugehörigkeit dem Abstieg sich noch entziehen könnte. Egal wie schlecht die Knappen am Ende abschneiden.

Die EURO wurde 2016 zum ersten Mal mit 24 Mannschaften ausgetragen. Was dafür sorgte, dass der Fußball teilweise furchtbar schlecht war. Vor allem die mittelklassigen Teams setzten auf Mauern. Denn vier Gruppendritte kommen ebenfalls weiter. So kam es dazu, das Portugal mit drei Remis am Ende Europameister wurde. Mit drei Punkten aus drei Spielen ist normalerweise bei 16 Teams, Schicht im Schacht bei so einem Turnier. Auch die WM wurde aufgebläht. Als Geschenk an die Verbände aus Afrika, Asien und Mittel- und Nordamerika treten 2026 in den USA, Mexiko und Kanada künftig 48 Teams an. Gespielt wird in 12, 3er-Gruppen. Aber wie so oft muss man feststellen: Ist halt so.

Der Fußball tut gut daran, das Volk nicht aus dem Auge zu verlieren. Vor allem in Deutschland sind wir noch eine Insel der Glückseligkeit. Es gibt noch einigermaßen vernünftige Ticketpreise. Einigermaßen übersichtliche Strukturen, wo die Spiele im Free- und Pay-TV laufen. Auch wenn es hier teilweise schon unübersichtlich wird. Trotzdem muss auch bei uns mit Maß und Ziel gearbeitet werden. Denn Fußball ist Volkssport. Ein Stadionbesuch sollte für Familien, auch die nicht so viel Geld haben, zumindest ein paar Mal im Jahr, drin sein.

Was die Champions League betrifft, hat die Fußballwelt den Fußballbegeisterten schon lange aus dem Auge verloren. Doch das interessiert die Real Madrids und Turins dieser Welt nicht. Hauptsache das Geld fliegt in Säcken und Koffern in die Geschäftsstelle. Hier obliegt es uns, dem zahlenden Fußballvolk, eine Entscheidung zu treffen.

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