Tradition und Begeisterung ist nichts mehr wert

Nachhaltig, so lautet das Credo der Wirtschaft. Nachhaltig zu sein, Nachhaltigkeit fördern. München ist gescheitert, bei seiner Bewerbung für die 23. Olympischen Winterspiele. Das südkoreanische Pyeongchang setzte sich gegen seine Mitbewerber München und Annecy durch.
Am Ende siegte Kommerz über Olympische Tradition, Begeisterung, Nachhaltigkeit und eben das bessere Konzept. München hat bereits viele Sportstätten, ebenso Garmisch-Partenkirchen und Berchtesgaden. Die Infrastruktur in Deutschland ist bereits jetzt Klasse und die Deutschen gelten als sportverrückt. Egal welches Event ins Land kommt, der Deutsche ist verrückt nach diesem Sport. Das sah man bei den Heimweltmeisterschaften im Handball (2007), Eishockey (2010) und im Fußball (2006, 2011). Das Olympiakonzept Münchens sah vor, die vorhandenen Sportstätten bei den Spielen zu nutzen. München und Umgebung pflegen eine lange Wintersport-Tradition und sind jährlicher Gast von Weltcup-Veranstaltungen. Dagegen müssen in Pyeongchang fast alle Sportstätten neu erbaut werden. Allerdings sind die Spiele in Südkorea die Spiele der kurzen Wege. Doch natürlich wollte das IOC die Südkoreaner nicht wieder im Regen stehen lassen, nachdem sie bei der Vergabe für die Winterspiele 2010 und 2014 scheiterten. 2010 bekam Vancouver den Vorzug und 2014 Sotschi. Ein gebranntes Kind in Mehrfachbewerbungen ist auch das österreichische Salzburg, sie scheiterten ebenfalls 2010 und 2014, bewarben sich für die Spiele 2018 hingegen nicht mehr.
Ausschlaggebend für die Entscheidung PRO Pyeongchang war vor allem das wesentliche hohe Budget. Kein Bewerber hatte so viel finanzielles Budget wie Pyeongchang. Vor allem die neuen Märkte standen beim IOC weit oben auf der Agenda. Asien der unerschlossene Wintersportmarkt, soll so erklommen werden. Und natürlich war ausschlaggebend, dass sich die Stadt zum dritten Mal in Folge beworben hat. Ein drittes Mal konnte man die Spiele nicht an einen anderen Bewerber vergeben.
Doch leider ist das ein Trend im Sport. Bereits 2014 bekam Sotschi, der Badeort am Schwarzen Meer den Zuschlag für die Winterspiele. Obwohl Sotschi und Winterspiele so viel zusammen tun haben, wie Sommer und Ski fahren. Bereits die FIFA hat den Kapitalismus in den Fußball eindrucksvoll einziehen lassen, was Weltmeisterschaftsvergaben angeht. Die Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wurden nach Russland und Katar vergeben. Dass wohl beide Länder die Weltmeisterschaften „gekauft“ haben, ist kaum anzuzweifeln. Russland bekommt nach Olympia 2014 das nächste sportliche Großereignis. So finden innerhalb von vier Jahren die zwei größten und finanzstärksten Sportveranstaltungen der Welt in Russland statt. Auch Russland und Katar haben mit Fußball-Tradition recht herzlich wenig zu tun. Die tolle Bewerbung von England wurde gleich im ersten Wahlgang abgeschmettert. Obwohl England als Mutterland des Fußballs und begeistertes Fußballland die WM mehr als verdient gehabt hätte. Sogar  die Gemeinschaftsbewerbungen von Belgien / Niederlande und Spanien / Portugal bekam mehr Stimmen im ersten Durchgang. So war der Weg frei für Russland. Auch bei der Vergabe für die WM 2022 musste man seine Augen reiben. Katar erhielt in jedem Durchgang die meisten Stimmen und stach am Ende die USA mit 14:8 aus. Südkorea, Japan und Australien waren bereits die Runden davor ausgeschieden. Zehn Exekutivmitglieder stehen unter Korruptionsverdacht. Doch ob die beiden Weltmeisterschaften nochmal vergeben werden, ist kaum klar. Für  die total gehirnamputierte Vergabe nach Katar, nannte die FIFA ebenfalls die Erschließung neuer Märkte als Grund.
Die aktuelle Entwicklung der Vergaben von Sport-Ereignissen sollte man deswegen nur sehr kritisch gegenüber stehen.

„Es war eine Entscheidung zwischen der großen Tradition, die sich mit Olympia verbindet – und dem großen Geschäft, das Olympia inzwischen ist. Es war eine Entscheidung zwischen der alten und der neuen Welt des Sports, zwischen zwei Städten, die gegensätzlicher kaum sein können. Hier München mit seiner 853-jährigen Geschichte, dem Oktoberfest, dem Viktualienmarkt, den prachtvollen Schlössern im Umland.
Und dort ein asiatischer Skiort aus der Retorte, dessen Straßen so heimelig sind wie ein mittelprächtiges Einkaufszentrum; ein Ort, dessen Pisten für Olympia aus dem Boden gestampft wurden, weil im Umkreis von zwei Flugstunden angeblich eine Milliarde Menschen darauf warten, das tun zu können, was die Europäer seit Jahrzehnten machen: Ski fahren.
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat sich für das Geschäft entschieden, für die vielen Milliarden, die in Asien, diesem noch nicht ganz so reifen Wintersport-Markt, zu verdienen sind. Und das ist enttäuschend: für München, aber auch für die Idee der olympischen Bewegung. Ihr ging es einst um mehr als Kommerz, nämlich eben auch darum, der Welt ein wenig Halt zu geben. Und Tradition bietet Halt.
München hätte der olympischen Tradition entsprochen, München hätte Halt geboten. Pyeongchang 2018 dagegen ist der Aufbruch ins Neue, ins Ungewisse, ins Unsichere. Und es ist das endgültige Eingeständnis, dass der olympische Gedanke, der Beste möge gewinnen, zumindest bei der Vergabe der Spiele nichts mehr zählt. München hat das grünste, das nachhaltigste Konzept: mit vielen Sportstätten, die es bereits seit Jahrzehnten gibt; mit einem Olympiapark als Zentrum, der schon 1972 Zentrum der Sommerwettbewerbe war. Doch beim IOC gewinnt am Ende offenbar derjenige, der am meisten zahlt; oder am meisten Druck aufbaut; oder über die besten persönlichen Beziehungen verfügt…..“

Zitat aus dem Artikel „Gold für den Kommerz“ auf süddeutsche.de
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/pyeongchang-bekommt-olympische-spiele-gold-fuer-den-kommerz-1.1116916

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