Als Jan Stegner und ich nach dem Abpfiff des Spiels FC Ingolstadt – 1. FC Schweinfurt eine letzte Runde um das Stadion drehen, ist die Arbeit erledigt. Der 31-jährige ist einer von sieben ehrenamtlichen Helfern beim Awareness-Team des FC Ingolstadt 04. Unterstützt wird das ehrenamtliche Team von den zwei Hauptamtlichen Franziska Knopp und Franziska Maier.
Awareness bedeutet aus dem Englischen übersetzt: Bewusstsein. Bewusstsein ist ein wichtiger Baustein, um das Stadionerlebnis für alle Zuschauerinnen und Zuschauer sicher und unbeschwert zu machen. Denn so wie überall kommt es auch in Stadien zu Diskriminierungen, Rassismus und sexuellen Übergriffen. Das ARD-Recherche-Team „Vollbild“ sprach im vergangenen Jahr im Rahmen einer Reportage mit Betroffenen, die im Fanblock an uriniert, begrapscht oder mit KO-Tropfen handlungsunfähig gemacht worden sind. Die größte Hemmschwelle für Betroffene ist es sich zu öffnen und anzuvertrauen. Die Ereignisse sind traumatisierend, die Personen fühlen sich oft hilflos oder vor Schock versteinert. Eben jene Awareness-Teams sollen Betroffenen helfen. Beim FCI tragen die Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner ein schwarzes Leibchen mit Aufdruck und tragen eine Karte um den Hals auf dem das Codewort „Wo ist Panama“ aufgedruckt ist. Auch das Sicherheitspersonal ist geschult. Das Team ist vor und während des Spiels durch Rundgänge im Stadion sicht- und ansprechbar. Im Stadion sind an verschiedenen Orten QR-Codes verteilt, sollte keine Person des Teams in unmittelbarer Nähe sein.

Ich begleitete Jan am Spieltag und stellte schnell fest, das Team wird wahrgenommen. Wir wurden freundlich begrüßt oder die Personen blieben am Schriftzug „Awareness-Team“ mit ihren Augen hängen. Und hier kommen wir wieder zum Bewusstsein. Die Personen im Stadion sollen wissen, es gibt Ansprechpersonen, die helfen. Und Stadionbesucherinnen und Stadionbesuchern soll klar werden, dass es Verhaltensweisen gibt, die keinen Platz in einem Stadion haben. Der Ablauf, wenn sich eine Person mit dem Codewort meldet, ist klar geregelt. Die Person wird an einen sicheren Ort im Stadion gebracht, bei der die Person erstmal zur Ruhe kommen kann. Der Vorfall wird dokumentiert, die Betroffenen können auf eigenen Wunsch die Polizei hinzuziehen oder sich später an externe Stellen wenden, wie z. B. den Wirbelwind e. V. aus Ingolstadt der sich unter anderem auf die Aufarbeitung bei Frauen mit sexueller Gewalterfahrung kümmert. Bereits 2016 entwickelte der Frauen-Notruf Münster das Codewort „Wo ist Luisa“ mit entsprechendem Konzept für Nachtclubs, Diskotheken und Restaurants. Der Fußball zieht allmählich nach. 2019 hat ein breites Netzwerk von Unsere Kurve, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte, dem Netzwerk Frauen im Fußball und der Koordinierungsstelle Fanprojekte ein Handlungskonzept gegen sexualisierte Gewalt im Fußball herausgegeben, finanziell unterstützt von der DFL (Deutsche Fußball Liga) und dem DFB (Deutscher Fußball-Bund). Seit der Saison 2024/2025 sind solche Konzepte auch Lizenzauflage für Klubs in der 3. Liga. Wie viele Klubs bereits Konzepte umsetzen, teilt auf Anfrage der DFB nicht mit: „Der DFB veröffentlicht keine Prüfungsergebnisse- und nachweise der Vereine aus dem Zulassungsverfahren.“ Studien oder Zahlen der Verbände zur Anzahl von Übergriffen gibt es nicht.

Stadionbesucher sind aber die eine Perspektive. Der DFB fordert für seine Klubs auch Melde- und Beschwerdesysteme für die Mitarbeitenden und für Mannschaften, Spielerinnen und Spieler sowie Beteiligte. Diese Konzepte sollen dafür sorgen, dass in den Profiklubs auf allen Ebenen Strukturen geschaffen werden, dass sich Betroffene nicht allein fühlen und mögliche Täter nicht gedeckt werden. Die Beispiele von solchen „Skandalen“ im Leistungssport, in den Kirchen, Vereinen und Verbänden sind zahlreich.
Wichtig ist als erster Schritt anzuerkennen, dass es zu solchen Übergriffen gibt, aber noch wichtiger ist, entsprechende Schutzkonzepte umzusetzen. Denn Übergriffe lassen sich leider nie gänzlich verhindern. Die Konzepte tragen aber zu mehr Sicherheit. Bis es allerdings bei allen 56 Fußballstandorten in den drei Profiligen solche Konzepte gibt, wird es aber noch dauern.
Links zum Thema
ARD Vollbild Reportage: Tatort Fußball
Der Beitrag erschien auch in der Neuburger Rundschau.
