Deutschland: Geiz ist geiler, geiziger sein ist geiler.

Elf Tage haben wir in Norditalien verbracht. Turin, Bologna, Verona, den Gardasee und Venedig bereist. Und recht schnell merkt man vor allem kulturell was das Essen betrifft, gehen die Uhren in Italien anders. Eine kleine Abrechnung:

Im Verhältnis zu Frankreich und Italien wird wenig Geld für Essen bei uns ausgegeben. Wenn man in Spanien und Italien Urlaub macht und damit meine ich keine Bettenburg (all inklusive), sondern in einer Stadt oder auf dem Land, stellt man schnell fest, Essen ist in diesen Ländern Leidenschaft. Es wird lebhaft geredet währenddessen, keiner hetzt sich ab, es wird Kaffee und Dessert bestellt. Weil wenn schon, denn schon. Essen bedeutet Geselligkeit und Leidenschaft. In wenigen Ländern weltweit wird die Esskultur so gelebt wie in Italien. Das italienische Essen wurde von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe eingestuft. Die Europäer wählten die italienische Küche als beste des Kontinents. 

In vielen EU-Ländern sind die Lebensmittel um einiges teurer als in Deutschland. Das liegt teilweise auch der höheren Mehrwertsteuer, trotzdem sparen sich die Deutschen und vor allem diejenigen die von ihrem Geld gut leben können, bei Lebensmitteln alles weg. In Deutschland darf der Urlaub was kosten (kann man auf Instagram posten), das Auto (kann mehr herzeigen) und das Handy (da kann man Fotos vom Urlaub für Instagram machen und es herzeigen). Buchstäblich nichts dürfen Lebensmittel kosten (die isst man nur). Kultur ist nach einmaligen Konsum weg (und darf damit auch nichts kosten). Fremdschämen war angesagt, als wir ein Ehepaar beim Lidl am Gardasee beim Einkauf zufällig beobachteten. Der Mann wollte einen Parmesan kaufen. Dann griff die Frau ein und sagte: „Der ist zu teuer, wir nehmen einen günstigeren.“ Ein anderer Mann kaufte lieber das günstige, unbekannte Bier, weil ihm das vermeintlich bessere zu teuer war. Selbst im Urlaub kommt der Deutsche aus seiner Haut nicht raus.

Saturn hat mit seinem Werbeslogan „Geiz ist geil“ zwei Generationen Deutscher geprägt. Für sich selbst günstig einkaufen ist geil. Es zu zeigen wie günstig man einkaufen kann ist noch geiler. 

Nur Essen kann man ja nicht als Gegenstand herzeigen, es wird ja verspeist. 

Ohnehin ist Deutschland das Land der Doppelmoral. Es wird darüber geklagt, das Tiere kläglich gehalten werden und im Supermarkt-Semmeln die reine Chemie steckt. Doch wenn es an den Geldbeutel geht, hört es mit der Liebe zum Handwerk und zum Tier schnell auf. Obwohl Deutschland eines der ältesten Backhandwerke der Welt hat. Stolz ist ohnehin etwas undeutsches. Stolz wird bei einigen Poltikerinnen mit Nationalismus gleichgestellt. 

Gleichermaßen feiern wir die italienische Nationalmannschaft wenn sich bei der Fußball-Europameisterschaft ihre Nationalhymne mit einer Leidenschaft und Ehre singen. Wir sind begeistert von ihren Stolz. In Italien ist Nationalstolz normal. Die Fahne, die Kultur, das Kulinarische sind Teil der Identität. Würden Italiener hören, dass in Deutschland Personengruppen gibt, die sagen man darf keine Deutschlandfahne hissen oder ob man das Wort Deutschland aus einem Wahlprogramm streicht, würden sie sich wohl fragen ob wir komplett übergeschnappt sind. Es wird hier gerne auf unsere historische Verantwortung verwiesen. Aber nur zur Erinnerung auch Italien wurde diktatorisch regiert und zog an Seite des Deutschen Reichs in den Krieg. 

In Italien gab und gibt es auch Konflikte. Als der SSC Neapel 1987 den Scudetto (italienische Meisterschaft) gewann war das der Sieg des „armen Südens“ über den „reichen überheblichen Norden“. Maradona und Napoli waren stolz. Und noch heute ist die massive Differenz an wirtschaftlicher Leistung und Wohlstand nicht überwunden. Wer Norditalien kennt sieht Süditalien als andere Welt.

Selbstverständlich ist in Italien auch nicht alles Gold was glänzt. Doch wir Deutschen sollten mehr stolz „wagen“ und entspannter werden. Ein Leben lang hetzen, feilschen und moralisch diskutieren bringt uns persönlich nicht weiter. Ein ausgeprägteres Bewusstsein für Kultur, Essen und Handwerk wäre wichtig. Wir Deutschen sind wohlhabend, nur die Prioritätensetzung ist teilweise verzerrt. Das würde die Schweine glücklicher machen, die Mitmenschen und zu guter letzt: uns selbst. Einigkeit, Recht und Freiheit. Bella Italia! 

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